Nitrat – die schleichende Katastrophe

von Kerstin | | Trackback | am 8. Januar 2012 |

Über Jahre hatte ich immer die gleichen Leitungswasserwerte: GH 16 – PH 8 – KH 6, LW 500 µS und der Nitratwert lag bei 5 mg/l. Anfang dieses Jahres war ich vor dem Umzug in eine größere Wohnung sehr beruhigt, dass das Wasser in dem Nachbarort scheinbar aus dem gleichen Wasserwerk kam, denn GH, PH und KH waren identisch. Mein Fehler war zu diesem Zeitpunkt, dass ich den weiteren Werten keine größere Beachtung geschenkt habe und diese nicht zusätzlich kontrolliert habe.

Innerhalb von zwei Tagen sind die Aquarien in der ersten Januar-Woche umgezogen. Die Gedanken die ich mir gemacht habe, waren alle nicht nötig gewesen, denn der Beckenumzug ist reibungslos über die Bühne gegangen. Keine Ausfälle und die Tiere standen die ersten Monate gut und haben auch gleich die Vermehrung wieder aufgenommen. Es gab keinen Hinweis, dass vielleicht irgendetwas nicht stimmen könnte. Einige Tiere sind dann in die über 8 Wochen neu eingefahrenen Becken umgezogen.

Es war Ende April, als es plötzlich in unterschiedlichen Becken immer mal wieder zu vereinzelten Ausfällen kam. Auch wenn mir Bekannte gesagt haben, ich soll mir nicht gleich einen Kopf machen, so etwas kann halt immer mal passieren, hat mich dieses doch sehr beunruhigt. Meine Stämme standen immer sehr stabil, mit Häutungsproblemen oder unerwarteten Todesfällen hatte ich nie Probleme.

Die Ausfälle steigerten sich so weit, dass ich morgens und abends ständig tote Tiere absammeln musste. Da ich über 8 Jahre nie Probleme mit bakteriellen Infektionen oder anderen Krankheitsbildern bei Garnelen hatte, musste ich mir im Netz erst einmal Bilder erkrankter Tiere suchen, um diese mit meinen Tieren/Todesfällen vergleichen zu können. Aber all die Bilder und Beschreibungen trafen auf meine Garnelen nicht zu, optisch war einfach nichts zu erkennen.

90 % der Todesfälle haben sich zuvor gehäutet. Wenn ich das Licht angemacht habe und es lagen Exuvien im Becken, konnte ich darauf wetten, dass die gleiche Anzahl an Garnelen auch tot im Aquarium lag. Die Tiere hatten sich erfolgreich gehäutet und sind dann kurze Zeit danach verstorben. Die Häutung wird einfach zu lange gedauert haben und dadurch war die Sauerstoffversorgung nicht ausreichend gegeben und die geschwächten Tiere sind verendet.

Nur warum? Schwermetalle oder ähnliche Verunreinigungen hatte ich ausgeschlossen, da ich mein Leitungswasser seit Jahren über einen Reiser Blockfilter filtere, der diese zurückhält. Durch einen Zufall bin ich erst darauf gekommen, meinen Nitrat-Gehalt in den Aquarien nachzumessen. Dem Nitrat habe ich bis zu diesem Zeitpunkt nie eine besondere Rolle zugewiesen, zumal ich nie höhere Werte in meinen Becken nachweisen konnte. Die Messergebnisse haben mich fast aus den Schuhen gehauen, der Nitrat-Gehalt lag überall zwischen 50 – 80 mg/l. Das Ergebnis war für mich ausreichend und ich habe darauf verzichtet, die Proben noch weiter zu verdünnen und kann nur vermuten, dass der Wert in dem einen oder anderen Becken vielleicht sogar noch höher lag.

Woher dieser Anstieg kam, hat sich auch ganz schnell klären lassen. Im Leitungswasser konnte ich schon einen Wert von 40 mg/l nachmessen! Mit dem Umzug, habe ich nicht nur den Ort gewechselt, sondern auch das Wasserwerk.

3 Wochen vor dem erneuten Umzug habe ich dieses festgestellt. Der nicht geplante zweite Umzug brachte mir dann doch noch etwas Glück im Unglück. Nicht nur einen kotzigen Vermieter habe ich gewechselt, sondern auch das Wasserwerk. In der jetzigen Wohnung habe ich wieder die gewohnten, alten Werte, bei denen ich nie Probleme mit meinen Tieren hatte. Der Nitratwert liegt bei ca. 5 mg/l und ich hatte somit die Hoffnung, dass sich die Problematik wieder von alleine reguliert.

Der weitere Umzug hat für die angeschlagenen Tiere natürlich erneut Stress bedeutet. Zudem hatte ich das Problem, dass der erst kurze Zeit zuvor eingebrachte neue Akadama-Boden diese Menge von Nitrat über 5 Monate gespeichert hat. Obwohl ich Wasserwechsel mit lediglich 5 mg/l Nitrat gemacht habe, stieg der Wert immer wieder in den Becken an. Dieses konnte ich in den älteren Becken, in denen der Boden weitaus älter war, nicht beobachten.

Ich hatte hin und her überlegt, ob ich meinen Tieren jetzt einen erneuten Umzug innerhalb der Anlage nochmals zumute und den Akadama-Boden wechsel. Ich habe mich dazu entschlossen und den Bodengrund, der gerade mal 5 Monate in Gebrauch war, ausgetauscht.

Es hat wirklich bis August gedauert, bis sich meine Tiere oder sagen wir besser so, was von ihnen übrig geblieben ist, wieder beruhigt haben und heute kann ich sagen, sie stehen wieder stabil. Es sind wieder Eier tragende Weibchen unterwegs und Jungtiere werden entlassen. Tiere häuten sich, ohne danach tot umzufallen.

Nachdem das Leitungswasser wieder einen niedrigeren Nitrat-Wert hatte und bis die Ausfälle aufgehört haben, sind nochmals 3 Monate ins Land gegangen. Die Tiere waren regelrecht durch die extremen Nitrat-Werte “vergiftet” und die Nachwirkungen haben sich wirklich so lange noch durchgezogen.

Natürlich habe ich während der ganzen Zeit im Hinterkopf gehabt, dass es vielleicht noch an irgendeinem anderen Faktor liegt. Zumal mir einige Wirbellosenhalter berichtet haben, dass sie auch nicht gerade niedrige Nitrat-Werte in ihren Becken haben. Aber so ziemlich im gleichen Zeitraum gab es in Köln ähnliche Beobachtungen. In Köln weiß ich von einigen Haltern, dass der Nitratwert in den Sommermonaten auf 50 mg/l im Leitungswasser angestiegen ist. Heute noch kämpfen einige mit den gleichen Symptomen in ihren Becken, wie es bei mir zu beobachten war! Wenn jemand von vereinzelten Ausfällen in diesem Zeitraum erzählt hat und man fragte nach dem Nitrat-Wert, lag dieser immer in einem extrem hohen Bereich! Selbstverständlich standen meine Tiere durch die zwei Umzüge zusätzlich unter Stress!

Nach so vielen Jahren Garnelenhaltung war ich das erste Mal an einem Punkt, wo ich fast das Handtuch geschmissen hätte. Jeden Tag nur damit beschäftigt zu sein, tote Tiere rauszufischen, in so vielen Aquarien wie möglich jeden Abend den Bodengrund zu wechseln, war schon recht grenzwertig. Trotz, dass die Werte wieder in einem guten Zustand waren und die Tiere trotzdem weiter schwächelten, verlangt schon eine ordentliche Portion Geduld.

Meine Taiwaner und Red Bees hat es am schwersten getroffen. Ich hatte aber trotz allem noch Glück im Unglück und bei den meisten Arten ist jeweils ein kleiner Bestand an Tieren vorhanden, der es geschafft hat. Was ich nie gedachte hätte, meine TigerBienen haben die ganze Prozedur am besten weggesteckt.

Auch wenn einige eine andere Meinung vertreten, wenn es irgendwo zu Problemen kommt, vergesst nicht, den Nitrat-Gehalt zu kontrollieren!

Hier noch weitere Empfehlungen von Bernhard:

Hier viele Infos über das für Wilos so gefährliche Nitrat und warum Becken mit Neocaridina-Besatz höhere Werte erdulden können:

Nitrate toxicity to aquatic animals

Nitrate in Aquariums

Kurz gesagt: Wirbellose reichern im Zellgewebe Nitrate an. Es kann kann sein, dass erst nach einigen Wochen scheinbar unerklärliche Ausfälle (in der Regel Häutungsprobleme, Schwächeanfälle, Fehlwachstum) durch schädliches Nitrat auftreten.

The Nitrate Reductase of Chlorella

3 Antworten zu "Nitrat – die schleichende Katastrophe"

Sehr guter Arktikel :thumbup_tb:
Mir wäre aber unbekannt das Akadama Nitrat speichert, woher kommtt diese kentniss?

Hallo Tom,

mit meinem Leitungswasser gebe ich über Monate einen sehr hohen Nitrat-Wert in ein Becken. Der Wert liegt am Ende bei über 80 mg/l.

Das Becken wird geleert und Wasser mit einem Nitrat-Gehalt von unter 5 mg/l aufgefüllt (der “alte” Bodengrund bleibt drin). Nach einer Woche ist dieser Wert wieder extrem nach oben gewandert (obwohl das Leitungswasser aus einer anderen Quelle kommt und fast frei von Nitrat ist).

In dem Becken ist nichts weiter vorhanden als eine Wurzel mit ein wenig Moos. Woher soll die hohe Nitrat-Belastung erneut kommen, wenn nicht vom Bodengrund?

Ich bin auf dem Sprung, aber wenn ich die Tage etwas Zeit habe, suche ich mal nach einigen Beiträgen diesbezüglich. Ich meine, hier wären einige Infos dazu zu finden (wenn ich mich jetzt nicht vertue).

Ich meine sogar, unabhängig von der Aquaristik, wurde in einem “Pflanzen”-Forum darauf hingewiesen. Aber ich suche erst nochmal :-)

Dies ist aber der Grund, warum ich meinen Akadama nicht mehr so lange in den Becken belasse, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt noch die Werte nach unten zieht. Es ist ja kein Einzelfall, dass unabhängig von der o. g. Problematik, der ein oder andere nach einigen Monaten Probleme mit dem Akadama-Bodengrund bekommt, obwohl sich die Tiere zu Anfang explosionsartig vermehrt haben und es zu keinerlei Ausfällen gekommen ist. Hin und wieder wird bei einigen Garnelenhaltern von einer “tickenden Zeitbombe” gesprochen.

Den chemischen Prozess kann ich dir leider nicht erörtern, da fehlt mir ehrlich gesagt die Fachkenntnis. Ich kann immer nur Erfahrungswerte beschreiben.

LG
Kerstin

Hallo Kerstin,

danke für deine Antwort. Also wenn du hier noch Links zum Thema findest wäre das toll.
Es wäre durchaus denkbar, dass Akadama bei extrem hohen Nitratwerten da was einlagert. Aber selbst hab ich nichts weiter ein der Richtung gefunden im Netz. Ich selber behalte den Nitratwert scharf im Auge. Zwar kann ich auch mit der Zeit einen steigenden Nitratanstieg feststellen, jedoch im normalen Rahmen bei einem spärlich bepflanzten Aquarium.
Ich werde dies aber mal bei einem länger gelaufenen Becken testen in dem ich die Garnelen und die Pflanzen entferne. Der Nitratwert sollte ja dann innerhalb kurzer Zeit wieder auf Null gehen. Wenn er das nicht tut, würde die Nitratspeicherthese stimmen. Das selbe werde ich auch einmal zum Vergleich mit einem Becken mit Kies als Bodengrund testen.

0 Ping-/Trackbacks zu "Nitrat – die schleichende Katastrophe"

Schreibe einen Kommentar:


:) ;) :D :( :P :thumbup_tb: :dry_tb: :bye_tb: more »


Eine optimale Ansicht habt ihr mit dem Firefox.

Umfrage

  • Wenn ihr euch eine Gruppe der unten aufgeführten Garnelenarten aussuchen dürftet - wie fällt eure Wahl aus?

    View Results

    Loading ... Loading ...
  • Ältere Kommentare



Kostenloser Counter


Blog per Mail abonnieren

E-Mail-Adresse hier eingeben: (Registrierungsmail auf jeden Fall bestätigen!)

RSS-Feed abonnieren

RSS

Termine

  • Keine Ereignisse vorhanden